Zwischenbilanz – was bisher geschah, Rückblick und Ausblick

Aktualisiert 2024-02-20

Inhalt

Da ich mich ja nun schon eine ganze Weile mit dem Thema S-Pedelec beschäftige, bietet es sich zur Jahreswende an, einen Überblick zu versuchen, was sich so getan hat und wo es hingehen könnte …

 

Wirtschaft/Unternehmen/Verbände

bei einem Pressegespräch des PD-F (Pressedienst Fahrrad) Mitte 2023 bekam ich erstmals was mit von der Allianz Zukunft S-Pedelec. Deren Selbstdarstellung besagt, sie „wurde auf Initiative der S-Pedelec-Hersteller Stromer, Klever Mobility (in Köln ansässig), Riese & Müller und HPVelotechnik gegründet. Weitere Kooperationspartner sind das House of Logistics and Mobility (HOLM) sowie die Radprofessuren der Hochschule RheinMain und die Hochschule Darmstadt.

Wir setzen uns für eine Flexibilisierung der Nutzungsmöglichkeiten für S-Pedelecs durch die Öffnung geeigneter Außerorts- und Schnellradwege sowie für die Öffnung von innerörtlichen Fahrradwegen und Radstreifen mit angepassten Geschwindigkeiten ein.“
Diese lud im Dezember zum Webinar Fachgespräch „S-Pedelecs in Deutschland: Chancen, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven“, da mein Bericht davon und dort der vom PD-F
Zuvor wurden im Oktober auch schon mal ganz konkret Vorschläge für Änderungen in der STVO diskutiert …

Auch der DVR= Deutscher Verkehrssicherheitsrat e. V.beschäftigt sich damit: Vom beteiligten VCD-Kollegen erfuhr ich, dass sich im November 2023 ein Ausschuss treffen würde, um eine Beschlussvorlage zur Positionierung des DVR zum Umgang mit S-Pedelecs zu diskutieren. Ich konnte mich ein wenig einbringen, wir hatten im Vorfeld einen Austausch, der Kollege trug unsere Anmerkungen weiter.

Nachtrag 2024-01-23:
Veranstaltung der ADFC-Akademie – Vortrag und Gespräch: S-Pedelecs auf Radwegen: Chance oder Gefahr für den Radverkehr? (online)

Vortrag durch Herrn Roland Huhn (Referent Recht – ADFC-Bundesgeschäftsstelle),
erfreulich, dass der ADFC zu S-Pedelecs in Dialog tritt!
Dort mein Bericht und Einschätzung

Auch der VSF, der ZIV sowie LEVA EU setzen sich für eine Anpassung der Regulierungen ein …

 

Politik …

NRW-Erlass, Dazu auch aus meiner Linkliste 2023-07 „NRW macht Weg für S-Pedelecs frei“, WDR-Nachrichten
sowie MdL https://martinmetz.de/nrw-ermoeglicht-freigabe-von-radwegen-fuer-s-pedelecs und da Diskussion auf Facebook (auch mit meinem Senf dazu…)

Über den Tellerrand:

Seit Juni 2022 können Behörden in Österreich außerorts Radwege per Zusatzschild freigeben (mehr …)

2023-04 Speed-Pedelecs haben in Belgien die Erlaubnis zum Befahren der „Treidelpfade“ erhalten

2023-10 https://leva-eu.com/flanders-introduces-specific-rider-exam-for-speed-pedelecs/

– In der European Declaration on Cycling werden S-Pedelecs den Fahrrädern zugeordnet: Seite 3 (3).
– Der Europäische Gerichtshof hat nun geurteilt: „E-Bikes“ (gemeint sind Pedelecs) sind Fahrräder. Kraftfahrzeuge sind nur solche, welche sich nur durch mechanische Kraft antreiben lassen.
 
 
Presse:

Immer wieder nehmen sich die Medien des Themas an, hier seien nur kurz 4 Meldungen erwähnt, weiteres auf meiner Linkliste „Presse“

 
Forschung

Tübingen ist der einzige Ort in Dtl. in dem es seit 2019 ein nennenswertes Netz von „S-Pedelec-frei“ Wegen gibt – Folglich erkundigte ich mich schon 2021, ob man nicht in Tübingen die dortigen Auswirkungen einer Radwegefreigabe untersuchen würde und regte auch verschiedene Forschungseinrichtungen an, sich insgesamt dessen anzunehmen (siehe mein Artikel), nun, 2023 war es endlich soweit:

Sofia (h_da) und die Hochschule RheinMain führen seit Herbst 2023 Fahrversuche in Tübingen durch, Interessierte aus der Region leihen für etwa 6 Wochen ein S-Pedelec aus und berichten vor, während und nach der Testphase zu ihren Erfahrungen.

Mehr dazu https://www.sofia-darmstadt.de/projekte/laufende-projekte/s-pedelec

Desweiteren: Ausgeschrieben von der Österreichischen Forschungs-Förderungs-Gesellschaft (FFG) wurde 2023 die D-A-CH Studie SESPIN – Sichere und effiziente S-Pedelec Infrastruktur gestartet. Es ist ein länderübergreifendes Projekt der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie, dem WIVW, Würzburger Institut für Verkehrswissenschaften und Salzburg Research Forschungsgesellschaft mbH.

Ich war bei dieser Studie dabei in einer Onlinediskussionsrunde mit deutschen Nutzenden sowie im Fahrsimulator, meine Eindrücke davon, da …

Wie erwähnt in meinem Artikel über das kürzliche Fachgespräch veranstaltet von Allianz Zukunft S-Pedelec (s.o.), wurde von Mobycon eine Übersichtsarbeit zu bereits erfolgten Studien verfasst im Auftrag des ZIV: „Wo fahren S-Pedelecs?“
Davon möchte ich aus dem Fazit v.a. das hervorheben: „Kein generell erhöhtes Unfallrisiko im Vergleich zu Fahrrädern nachweisbar.“

Meine persönliche Einschätzung zu den Entwicklungen:

Ich bin mal eher nicht so kühn, irgendwelche Prognosen abzugeben, aber immerhin kann man sich ein bisschen freuen, dass das Thema bei wichtigen Akteuren behandelt wird

So sehr der Vorstoß einiger Initiativen auch zu begrüßen ist, bin ich skeptisch, wie lange es noch dauert bis S-Pedelecs für den durchschnittlichen Alltagsradler tatsächlich ausreichend attraktiv werden als Alternative zum Auto

Denn die Möglichkeiten zur Freigabe von Radwegen, heißt nicht, dass es sogleich jede Menge für S-Pedelecs geöffnete Wege gibt.

Die Empfehlungen sind nicht ganz so traumhaft, wie sich Betroffene das wünschen würden, aber es wäre ein großer Schritt in die wünschenswerte Richtung.
V.a. was die Einzelfreigaben angeht ist zu befürchten, dass es angesichts des ohnehin schon herrschenden Personalmangels noch Jahrzehnte dauert, bis für die zahlreichen Strecken von den Nutzenden in zähen Einzelverfahren das legale Befahren erkämpft werden könnte. Aber ok, besser als nix. Ob einzelne Strecken begutachtet werden und am Ende auch ein Schild aufgestellt wird, hängt von den Ressourcen und dem freiwilligen Engagement der – oft überlasteten – Mitarbeitenden in den Behörden oder dem Drängen von Bürger*Innen ab.

Obwohl seit Jahren die vom Verkehrsministerium BW zugelassenen „S-Pedelec-frei-Schilder“ möglich wären, wird davon in BW bisher an keinem anderen Ort als in Tübingen Gebrauch gemacht, kann man hören.

Somit halte ich die Änderungen für eine nur oberflächliche „kosmetische Maßnahme“ auf dem Papier, die in der Praxis kaum für Verbesserungen sorgt.

Der Umstieg auf ein S-Pedelec bleibt vorerst unattraktiv, denn weiterhin sind Nutzende (sowie auch der Autoverkehr -!-  wegen gewagten Überholmanövern) insbesondere ausserorts den extremen Unannehmlichkeiten oder gar Gefahren ausgesetzt, die Folge des Radwegeverbots sind. Oder auch, wie es in einem Artikel vom Stern heißt „Und damit ist ein S-Pedelec für die meisten Kunden unbrauchbar. Um mit der Familie am Wochenende einen Ausflug zu machen, bräuchten sie ein Zweitrad für niedrige Geschwindigkeiten.“ Ich ergänze: Besonders für Frauen, aber natürlich auch einige Männer, die Familienarbeit leisten, ist das S-Pedelec als Alltagsfahrzeug kaum geeignet, wo es doch gerade dabei eine Willkommene Erleichterung bieten könnte – Kinder im Anhänger nicht erlaubt (absurderweise im gefährlicheren Kindersitz schon), Begleitung von Kind auf Radweg auch verboten – so kann man nicht einfach mal auf den oft langen Wegketten die Kinder mitnehmen/abholen/wo hin bringen, Einkäufe erledigen usw., da bleibt man/frau doch lieber beim Zweitwagen …

Noch ein paar Worte zur öfter gehörten Ablehnung der Freigabe von Gemeinsamen Fuß- und Radwegen: Ich halte dies für sehr problematisch, vor allem weil Ausserortswege in der Regel solche sind. Damit wären die mit  S-Pedelec besonders schwierigen Strecken ausgeschlossen (z.B. auch mehrspurige Brücken nur für KFZ über 60 km/h), um die es ihnen ja in erster Linie geht … Oder Begleitung von Kindern (oder sonstigen Radfahrenden) wird dadurch oft sehr schwierig oder gar unmöglich (wenn man mit anderen unterwegs ist, macht es dann Sinn, mit 15km/h auf der Fahrbahn zu fahren?).

Da bleibt nur die Hoffnung, dass Entscheidungsträger sich näher mit den Problemen (am besten anhand von realem Testen eines S-Pedelecs), den Forschungsergebnissen sowie dem Potential für die Verkehrswende befassen und dann die Regelungen entsprechend anpassen. So, dass ein  S-Pedelec auch in Frage kommt für Menschen, die ihre Mobilität gerne umweltfreundlich gestalten wollen, aber weder als Gesetztesbrecher noch als besonders mutige Helden oder Extremsportler.

Also letztlich möchte ich aber doch optimistisch in die Zukunft blicken, denn immerhin sieht man, es ist Einiges in Bewegung …

Schon Anfang 2019 hatte ich mal an den ADFC geschrieben, eine Antwort dazu gibt es nicht in meinem Archiv, falls ich aber eine bekommen hatte, dann war sie eher nicht aufgeschlossen.
Es ist sehr erfreulich, dass der ADFC nun zu S-Pedelecs in Dialog tritt!
Er lädt ein zur Veranstaltung der ADFC-Akademie – Vortrag und Gespräch: S-Pedelecs auf Radwegen: Chance oder Gefahr für den Radverkehr? (online)

Roland Huhn, Referent Recht der ADFC Bundesgeschäftsstelle, stellt Erwartungen an den Beitrag von S-Pedelecs zur Verkehrswende ebenso vor wie mögliche Auswirkungen auf den Radverkehr, wenn sie auf Radwegen zugelassen werden. Dazu hat er Studien aus Nachbarländern ausgewertet, in denen das S-Pedelec aufgrund anderer rechtlicher Bedingungen stärker verbreitet ist als in Deutschland.

Das größte Hindernis für eine stärkere Verbreitung des S-Pedelecs ist das Verbot der Radwegbenutzung – soweit besteht Einigkeit. Hersteller und Nutzer:innen von S-Pedelecs wünschen sich die Freigabe von Radwegen oder sogar die rechtliche Gleichstellung mit dem Fahrrad, wie beim Pedelec. Die Positionsfindung im ADFC ist noch nicht abgeschlossen und sollte diese Fragen berücksichtigen: Verträgt sich die Freigabe von Radwegen für schnellere Zweiräder mit dem Radverkehr? Ist der Umstieg vom Auto eine realistische Erwartung? Würde die Freigabe die Unfallgefahr erhöhen oder Komfort und Sicherheitsgefühl von Radfahrenden beeinträchtigen? Baden-Württemberg und 2023 auch Nordrhein-Westfalen haben durch Landesregelungen die Möglichkeit der Freigabe mit Zusatzzeichen „S—Pedelecs frei“ geschaffen. Wie könnte eine bundesweite Regelung für S-Pedelecs auf Radwegen lauten? Im Anschluss an den Vortrag besteht die Gelegenheit zur Diskussion.

1 Kommentar zu „Zwischenbilanz – was bisher geschah, Rückblick und Ausblick“

  1. Christoph Joachim

    In Tübingen habe ich das als S-Pedelec fahrender (seit 2006) Stadtrat begleitet. Zum 60ten Geburtstag des Labdesverkehrsministers von BaWü hatte ich diesem 2012 ein S-Pedelec für 1 Jahr ausgeliehen, damit er das Potential dieser Fahrzeuge selbst einschätzen kann.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top